Geschichte der Verbandsgemeinde Kell am See

 

Bürgermeister


Martin Alten (seit 2014)

 

Im Zuge des 8. Landesgesetzes über die Verwaltungsvereinfachung vom 28. Juli 1970, das am 7. November desselben Jahres in Kraft trat, wurde aus der bisherigen Verbandsgemeinde Kell und dem Hochwaldraum der Verbandsgemeinde Saarburg-Ost, die aufgelöst wurde, eine neue Verbandsgemeinde gebildet. Sie erhielt die Bezeichnung Verbandsgemeinde Kell.


Bei der Bildung der neuen Verbandsgemeinde versuchte man in Mainz und Trier die Möglichkeit zu nutzen, eine Verwaltungseinheit zu bilden, die mit allen Ortschaften einen landwirtschaftlich, geographisch und strukturell einheitlichen Landstrich umfasste. So liegt die 1970 neugegründete Verbandsgemeinde Kell mit ihrem gesamten Territorium im Hochwald. Dies konnte von Vorteil sein, da die kommunalpolitische Aufgabenstellung und die örtlichen Probleme in dieser zwar nicht in allem, aber in vielem gleich strukturierten Landschaft oft auf einer Ebene lagen. Davon versprach man sich eine gute Zusammenarbeit der beiden Räume Kell und Zerf. Aber wenn in vielen Jahrzehnten gewachsene Verwaltungsstrukturen und Traditionen aufgelöst und verändert werden, sind damit für neu zu bildende Einheiten nicht geringe Schwierigkeiten verbunden. Es ist selbstverständlich, daß dann, wenn alte Bindungen gelöst werden, neue nicht von selbst entstehen, sondern erst geschaffen werden müssen.

 

Tatsächlich gab es auch keine Bindungen zwischen Kell und den hinzugekommenen Orten um Zerf. Man war in beiden Teilen in entgegengesetzter Richtung orientiert. Und wenn in dem neuzugeordneten Teil, in den Gemeinden um Zerf, Widerstand quer durch alle Parteien und Gruppierungen gegen die neue Zuordnung erwuchs, galt es in besonderem Maße, Ressentiments zu überwinden, Misstrauen abzubauen und Vertrauen zu schaffen.

Zunächst allerdings unterstützten die Gemein den um Zerf die Verfassungsklage, die die Ver­bandsgemeinde Saarburg-Ost mit ihrem Bürgermeister Adolf Kranz, Saarburg, gegen ihre Auflösung angestrengt hatte. Die Klage wurde abgelehnt. Fast alle Ortsbürgermeister, Gemeinderäte und ein Großteil der Bevölkerung sympathisierten mit der Freien Wählergruppe Fischer, die der Ortsbürgermeister Peter Fischer von Zerf für die Verbandsgemeinderatswahl am 8. November 1970 aufgestellt hatte. Man glaubte, gegen den größeren Raum Kell ein Gegengewicht bilden zu müssen. Bei der CDU und der SPD des Raumes Zerf war man ebenfalls nicht begeistert über die neue Zuordnung, aber für die Wahl einigte man sich innerhalb der Parteien über die Zusammensetzung ihrer Listen. Die Wählergruppe Fischer erzielt im Raum Zerf ein hervorragendes Ergebnis. Die CDU konnte dies nur durch ein überragendes Ergebnis im Raum Kell ausgleichen. Sie erhielt die absolute Mehrheit. So erreichte die CDU insgesamt 10 Sitze, die SPD 3 Sitze, die Liste Marx 1 Sitz und die Liste Fischer 5 Sitze. Der Ortsbürgermeister von Kell, Nikolaus Marx, hatte ebenfalls eine freie Wählerliste aufgestellt, von der man aber wusste, dass sie zur CDU tendierte. Manfred Lang, Kell (CDU) und Dieter Gukenbiehl, Kell (SPD), die beiden Fraktionsvorsitzenden ihrer Parteien im Verbandsgemeinderat, vereinbarten mit Zustimmung ihrer Parteien eine Zusammenarbeit im Rat.

Bereits bei der Wahl des Bürgermeisters in der Sitzung des Verbandsgemeinderats vom 30. November 1970 zeigte sich, dass man bei allen Gruppierungen zu einer gemeinsamen Arbeit bereit war.

Der Bürgermeister der bisherigen "kleinen" Verbandsgemeinde Kell, August Justen (CDU) aus Kell, wurde mit der großen Mehrheit von 17 Stimmen bei nur zwei Gegenstimmen zum Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Kell gewählt. Zum 1. Verbandsbeigeordneten wurde Edgar Christoffel (CDU) aus Zerf gewählt, zum 2. Verbandsbeigeordneten Matthias Lehnen (SPD) aus Kell. Man glaubte, mit dieser Besetzung eine gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Räumen Kell und Zerf erreichen zu können. In Zukunft kam es zu einer fruchtbaren Arbeit im Rat. Ebenso raufte man sich innerhalb der Parteien zusammen, aber von seiten der Bevölkerung kam es zu keiner rechten Integrierung der beiden Räume Kell und Zerf. Aber mit der Zeit begann man, die neue Verbandsgemeinde auch im Raum Zerf zu akzeptieren.

 

Dies zeigte sich am Ergebnis der ersten Kommunalwahl nach der Gründung der neuen Verbandsgemeinde. Im Raum Zerf wurde keine Freie Wählerliste mehr aufgestellt, das Wahlergebnis pendelte sich wieder auf die Zeit vor der Neubildung ein. So erreichte die CDU bei der Wahl 1974 15 Sitze, die SPD 5 Sitze, die Wählergruppe Marx 1 Sitz und die Wählergruppe Lauer (Keil) 2 Sitze. Der Verbandsgemeinderat umfasste nunmehr 23 Sitze. Zum 1. Verbandsbeigeordneten wurde wieder ein Vertreter der CDU aus dem Raum Kell gewählt, Willi Erschens aus Waldweiler, zum 2. Verbandsbeigeordneten Engelbert Jücker (CDU) aus Zerf. Der Beginn der Arbeit in der neuen Verbandsgemeinde Kell war gekennzeichnet von einem tiefgreifenden Wandel, der in den sechziger Jahren das soziale Gebilde des Dorfes erfasst hatte. Die bisher anscheinend noch bestimmenden strukturellen Eigenarten waren weiter zurückgetreten und Entwicklungsprozesse vielfältiger Art hatten sich angebahnt, eine neue Struktur der Landgemeinde tat sich auf.

Das Wahlergebnis von 1979 zeigte, daß sich die Situation in der Verbandsgemeinde weiter konsolidiert hatte. Die CDU behielt 15 Sitze, die SPD erhielt 7 Sitze, konnte also 2 Sitze zulegen, die Wählergruppe Lauer erhielt nur noch 1 Sitz. Die bisherige Freie Wählergruppe Marx hatte keine Liste mehr aufgestellt. Waren die Orte der Verbandsgemeinde bisher land- und forstwirtschaftlich orientiert, so wurden nunmehr Industrie, Gewerbe und Fremdenverkehr Schwerpunkte der wirtschaftlichen Entwicklung, die Justen auch bereits im Bereich Kell in der "alten" und kleineren Verbandsgemeinde initiiert hatte.

Wenn auch die Entwicklung in Richtung grundlegender Umstrukturierung vorangetrieben wurde, blieb für August Justen selbstverständlich, und dabei waren besonders die jüngeren Leute aus politischen Gremien mit ihm im Bunde, dass die Arbeit des Bauern, die Landschaft, der Wald, der in unserer Landschaft dominiert und immer noch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt, eine angemessene Berücksichtigung behalten mußten. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass bereits in der "alten" Verbandsgemeinde Kell eine Verbandsgemeindetierschau ins Leben gerufen worden war, die von der "neuen" Verbandsgemeinde fortgeführt wurde. Sie gibt alljährlich Aufschluss über die züchterische Arbeit und den Leistungsstand der Viehzucht und findet über die Verbandsgemeindegrenzen hinaus eine gute Resonanz. Wir können hier keine detaillierte Beschreibung der Gewerbe-, Industrie-, Sozial- und Wirtschaftsstruktur und ihrer Entwicklung in der neuen Verbandsgemeinde aufzeichnen, dies wird Aufgabe eines besonderen Aufsatzes sein, aber einige Erfolge seien hier doch als Resümee aufgeführt:

Betriebserweiterungen bei fast allen vorhandenen Industriebetrieben, die Ansiedlung weiterer Unternehmen, der Ankauf von Industrieflächen, die Durchführung von kostenaufwendigen Erschließungsmaßnahmen, große Investitionen auf dem Gebiet des Fremdenverkehrs, es wurden große Bauprojekte getätigt wie zum Beispiel: zentrale Sportanlagen und Sporthallen, das Projekt zur Versorgung der gesamten Verbandsgemeinde mit einwandfreiem Trinkwasser, das Abwasserprojekt für die Ortsgemeinden Schillingen, Waldweiler, Mandern und das Feriendorf Kell. Heute zählt der Verbandsgemeindebezirk 1.400 industrielle Arbeitsplätze, wobei die Arbeitslosenquote in der Verbandsgemeinde geringer ist als auf Bundes- und Landesebene.

Die Erfolge der neuen Verbandsgemeinde waren abzulesen am Ergebnis der Neuwahl des Bürgermeisters. 1982 war die Amtszeit von Bürgermeister August Justen abgelaufen. Die Parteien einigten sich darauf, die Stelle des Bürgermeisters nicht auszuschreiben, sondern August Justen als alleinigen Kandidaten vorzuschlagen. August Justen erhielt bei der Wahl am 30. April 1982, 22 Stimmen, es gab nur eine Neinstimme.

Bei der Kommunalwahl 1984 gab es keine großen Veränderungen. Es wurde ein neues Wahlrecht angewandt. Der Wähler hatte die Möglichkeit, die Liste der jeweiligen Partei insgesamt anzukreuzen und auch einzelnen Kandidaten bis zu drei Stimmen zu geben bis zu der Zahl der im Rat vertretenen Mitglieder. Es kandidierten nur noch zwei Listen, die CDU, die ihre 15 Sitze halten konnte, und die SPD, die 8 Sitze erhielt, also einen Sitz gegenüber der Wahl von 1979 hinzugewann. Mit dem Ende des Monats August 1988 trat August Justen nach Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand.

Für die Neubesetzung der Bürgermeisterstelle bewarben sich 23 Kandidaten. Der Kandidat der Mehrheitsfraktion, der 39jährige Werner Angsten aus Liesenich, Kreis Cochem-Zell, erhielt bei der Wahl am 27. Mai 1988 15 Stimmen, 6 Ratsmitglieder stimmten mit Nein, eine Stimme war ungültig und ein Ratsmitglied fehlte entschuldigt. Die SPD war dieses Mal zu einem Zusammengehen mit der CDU nicht bereit. Sie bemängelte, an den Vorbereitungen zur Auswahl der Kandidaten nicht genügend beteiligt worden zu sein.

Bei der Kommunalwahl am 18. Juli 1989 wurde wiederum ein neues Wahlrecht angewandt. Nunmehr konnte der Wähler auch panaschieren, das heißt, er konnte Kandidaten aller Parteien und Gruppierungen bis zur Anzahl der Ratssitze ankreuzen. Die CDU erreichte 10 Sitze, die SPD zog mit 10 Sitzen gleich, die Freie Wählergruppe Muth erreichte drei Sitze. Die Freie Wählergruppe unterstützte ihren Listenführer Hans Muth (Lampaden) bei seiner Kandidatur zum 1. Verbandsbeigeordneten nicht. Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Klaus Marx, der den langjährigen Fraktionsvorsitzenden Manfred Lang ablöste, hatte das Einvernehmen seiner Fraktion für Hans Muth signalisiert, falls die Freie Wählergruppe der CDU den z. Beigeordneten zugestehe und mit der CDU zusammenarbeite. Die Freie Wählergruppe tendierte aber zur SPD, wie auf einer Mitgliederversammlung der Gruppe zum Ausdruck kam. Muth sollte zum z. Verbandsbeigeordneten vorgeschlagen werden, was dieser ablehnte. So wurde bei der konstituierenden Sitzung des Verbandsgemeinderates am 10. August 1989 der bisherige, langjährige Fraktionsvorsitzende der SPD Heinz-Rolf Kniesz zum 1. Verbandsbeigeordneten und Hermann Steuer von der Freien Wählergruppe zum z. Verbandsbeigeordneten gewählt. Neuer Fraktionsvorsitzender bei der SPD wurde Helmut Beiling aus Waldweiler, Fraktionsvorsitzender bei der Freien Wählergruppe Ewald Koltes aus Schillingen. Hans Muth wurde Mitglied der CDU-Fraktion.

Der neue Bürgermeister erklärte bei seinem Amtsantritt, als Motto seiner Arbeit zum Wohl der Bürger sehe er das Wort Gemeinsamkeit.

Werner Angsten ist daran gelegen, aus den beiden Räumen der Verbandsgemeinde eine Einheit zu formen. Angsten sieht bei seiner Betonung des Heimatgedankens für den Hochwald gute Chancen bei dem Bemühen, die Lebensfähigkeit der Dörfer zu verbessern und die Sozialstrukturen wieder gesunden zu lassen, die durch die Schließung von Läden, von Handwerks- und Dienstleistung; von Bauernhöfen im Laufe der Zugenommen haben. Im Rahmen des Dorferneuert will Angsten auch die Herrichtung alter Gebäude fördern. Junge Handwerker und Gewerbetreibende sollen ermutigt werden, sich in der Verbandsgemeinde zu etablieren, damit weiteres wirtschaftliches Leben in die Dörfer gebracht wird. So soll die Dorferneuerung – ein besonderes Anliegen des neuen Bürgermeisters – helfen, Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft zu erhalten und neu zu schaffen. Die Dorferneuerung bietet so die Chance, den eigenen Lebensraum kreativ zu gestalten. Auf Letzteres kommt es Angsten besonders an. In der Verbandsgemeinde sollen dabei gewachsene Strukturen berücksichtigt und das ortstypische Bild bewahrt werden. Die Gründung eines Verbandsgemeindeorchesters, in dem Musiker aus allen Musikvereinen der Verbandsgemeinde musizieren, das Fest zum 20jährigen Bestehen der Verbandsgemeinde, um zwei Beispiele zu nennen, tragen sicherlich zum Zusammenwachsen bei. Es sind gute Grundsteine gesetzt, davon abzukommen, von zwei Räumen der Verbandsgemeinde zu sprechen, sondern von der „Hochwaldverbandsgemeinde Kell“.

In einem hat es nie Meinungsverschiedenheiten in der Verbandsgemeinde gegeben, in der Zuneigung zu unserer Hochwaldlandschaft und besonders zum Wald, der unserer Landschaft immer noch das Gepräge gibt und den Menschen als Erholungsraum dient. Unsere stellen und abseits vom Verkehrslärm gelegenen Wälder können zum unmittelbaren Erlebnis werden. So bietet sich der Hochwald in hervorragender Weise als Fremdenverkehrsgebiet an. Für die Kommunalpolitik in der Verbandsgemeinde geht es dabei nicht nur um einen neuen Wirtschaftszweig, den Bürgermeister Angsten und die kommunalen Gremien weiter ausbauen wollen und der weitere kommerzielle Möglichkeiten eröffnet. Es geht auch darum, unsere Landschaft den Menschen vorzuzeigen und denen, die hier leben, aufzuschließen, um sie für dieses Land zu gewinnen. Sehr vielseitig kann das Erlebnis des Hochwaldes für denjenigen sein, der außer den Naturschönheiten auch die geschichtlichen Zusammenhänge und die Kultur unserer Landschaft ergründet und dabei nicht nur ihr Antlitz, sondern auch ihr inneres Wesen erfasst. Es geht darum zu zeigen, dass derjenige, der sich Zeit nehmen will, in unserem Landstrich noch zu Begegnungen mit dem Urwüchsigen und Malerischen kommt, mit der Stille und der Einsamkeit in der wortkargen Schönheit des Hochwaldes. Es gilt zu beweisen, dass hier auch für viele Deutsche, die in die Ferne reisen, noch Neuland zu entdecken ist, das dennoch vertraute Züge aufweist. Diesem Land, das in unserer Sprache zu uns spricht, verleiht der Dichter Josef von Eichendorff mit folgenden Worten Ausdruck:

"Der Morgen, das ist meine Freude! Da steig ich in stiller Stund auf den höchsten Berg in der Weite, grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund! 


Text: Edgar Christoffel