Mehr freie Ausbildungsstellen, weniger Bewerber

Verbandsgemeinde Kell am See , den 06.11.2015

Agentur für Arbeit und Wirtschaftskammern ziehen Jahresbilanz des regionalen Ausbildungsmarktes
Das deutsche Schul- und Ausbildungssystem entwickelt sich ständig weiter. Neue Ausbildungsberufe und Studiengänge entstehen. Das eröffnet sowohl Betrieben als auch Bewerbern zusätzliche Möglichkeiten, führt aber auch dazu, dass die traditionelle betriebliche Ausbildung im Unternehmen immer größerer Konkurrenz unterliegt. Diese Tendenz spiegelt auch die aktuelle Jahresstatistik des regionalen Ausbildungsmarktes der Agentur für Arbeit wider. Seit Oktober letzten Jahres haben ortsansässige Firmen 3.914 freie Ausbildungsplätze gemeldet. Davon blieben 313 Lehrstellen, 79 mehr als im Jahr zuvor, unbesetzt. „Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist ungebrochen hoch. Dennoch haben immer mehr Firmen Schwierigkeiten ihre Stellen zu besetzen“, bilanziert die Geschäftsführerin der Trierer Arbeitsagentur, Edeltraud Nikodemus. „Der Ausbildungsmarkt hat sich von einem Stellen- zu einem Bewerbermarkt entwickelt.“
Auf die 3.914 freien Lehrstellen kamen im letzten Jahr 3.439 Bewerber - 85 weniger als ein Jahr zuvor. Dass trotz der großen Auswahl an Ausbildungsplätzen, 130 Jugendliche bisher leer ausgingen, liegt neben der Tatsache, dass sich Schüler nicht immer für die am Markt angebotenen Berufe interessieren, auch daran, dass schwächere Bewerber noch zu selten Chancen erhalten. Unter den noch unversorgten Bewerbern, wie es im Fachjargon heißt, besitzen nämlich 75 einen Hauptschul-, 27 einen Realschulabschluss und 34 die Fach- beziehungsweise Allgemeine Hochschulreife. „Eine der größten Aufgaben für die nächsten Jahre wird es sein, die Potenziale der Bewerber hinter dem reinen Schulabschluss zu erkennen und auch junge Menschen in das betriebliche Ausbildungssystem zu integrieren, die problembehaftete Hintergründe mitbringen“, so Nikodemus.
Damit Betriebe und Bewerber - auch unter schwierigeren Vorzeichen - zusammenfinden und zusammenbleiben, hat die Agentur für Arbeit Trier zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres das Projekt „Assistierte Ausbildung“ gestartet. „Junge Menschen und deren Ausbildungsbetriebe werden über die gesamte Lehrzeit intensiv begleitet“, beschreibt die Geschäftsführerin den Kern des neuen Angebots. Auszubildende erhalten beispielsweise Hilfen zum Abbau von Lerndefiziten. Betriebe erfahren Hilfestellungen bei der Verwaltung, der Organisation und der Durchführung der Ausbildung. Regelmäßige Gespräche mit allen Beteiligten sorgen zusätzlich dafür, dass Probleme schnell erkannt und Lösungen gefunden werden. So hofft die Agentur für Arbeit in diesem und in den nächsten Jahren die Zahl deren, die keine Lehrstelle finden, zu reduzieren. Bereits in diesem Jahr ist die Anzahl der unversorgten Bewerber von 180 auf 130 gesunken.
Wie schwierig es in der Praxis oft ist, für Unternehmen die passenden Lehrlinge zu finden, wissen auch die beiden großen Wirtschaftskammern. Bei der Industrie- und Handelskammer Trier liegen bislang 1.891 abgeschlossene Ausbildungsverträge vor - 1,5 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahresmonat. Wichtigstes Ziel sei es deshalb die Außenwahrnehmung der Berufe zu verbessern. „Wir müssen die Ärmel hockrempeln, um die duale Ausbildung und damit die Wirtschaft in der Region zu stärken“, betont Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer der IHK Trier. Deshalb starten die rheinland-pfälzischen Industrie- und Handelskammern 2016 eine Imagekampagne, um jungen Menschen und ihren Eltern die vielfältigen - und im Vergleich zum Studium - schnellen Karrieremöglichkeiten aufzuzeigen, die Aus- und Weiterbildung bietet. „Die Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs von klein- und mittelständischen Unternehmen ist eine zentrale Aufgabe, damit diese leistungs- und wettbewerbsfähig bleiben“, so Glockauer. „Daher unterstützen wir insbesondere kleinere Unternehmen beim Aufbau einer Ausbildungsmarktstrategie zur Gewinnung und Bindung geeigneter Auszubildender.“
Einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass der Trend zu weniger Ausbildungsverträgen bei gleichzeitig hohem Personalbedarf unterbrochen werden kann, gibt die aktuelle Statistik der Handwerkskammer Trier. Im vergangenen Jahr wurden hier 1.187 Ausbildungsverhältnisse eingetragen - vier mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Für Manfred Bitter, Hauptgeschäftsführer der HWK Trier, ein positives Signal: „Das Handwerk verzeichnet derzeit erstmals seit vielen Jahren wieder ein leichtes Plus bei den neu abgeschlossenen Lehrverträgen, obwohl noch eine große Zahl an freien Ausbildungsplätzen nicht besetzt werden konnte. Die Berufs- und Aufstiegschancen für junge Menschen im Handwerk der Region sind so gut wie nie. Wer die Handwerkslehre mit einem ordentlichen Ergebnis abschließt, braucht sich um seinen künftigen Arbeitsplatz in der Regel keine Sorgen zu machen.“ Dennoch sieht der HWK-Chef angesichts des anhaltend hohen Fachkräftebedarfs einen großen Handlungsauftrag an das Handwerk: „Mit einer breiten Palette von über 70 verschiedenen Berufen für unterschiedlichste Begabungen und Interessen wollen wir zukünftig auch verstärkt neue Zielgruppen ansprechen. Dazu gehören zum Beispiel Studienaussteiger sowie junge Flüchtlinge, wofür im Sommer neue Berater für die individuelle Suche nach geeigneten Berufen und Ausbildungsbetrieben eingestellt wurden.“
Eine wichtige Grundlage dafür, dass alle jungen Menschen unabhängig von Bildungsabschluss oder Herkunft den für sie passenden Weg in die Berufswelt finden, ist jedoch eine professionelle Berufsorientierung. Darin sind sich Agentur für Arbeit, IHK und HWK einig: „Wir sind als Arbeitsagentur mit unseren Berufsberatern in allen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen der Region vertreten - vielerorts auch gemeinsam mit den Kollegen der Wirtschaftskammern“, betont Edeltraud Nikodemus. Und mit Blick in die Zukunft: „Gleichzeitig bauen wir mit Initiativen wie dem neuen Berufsorientierungstag oder den Berufseinstiegsbegleitern unsere Angebote ständig aus, um den veränderten Bedürfnissen der Jugend und der Ausbildungsbetriebe gerecht zu werden.“
Agentur für Arbeit Trier

 

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